Franz Reschke Landschaftsarchitektur

02/2018

Gedenkort Viehauktionshalle

Weimar

Realisierungswettbewerb, 3. Preis
Am 9./10.05. und am 19.09.1942 benutzte die Gestapo die Viehauktionshalle als Sammellager zur Deportation der jüdischen Bewohner Thüringens. Polizeiangestellte und SA-Leute drangsalierten sie während ihres kurzen Aufenthaltes und raubten ihre letzte persönliche Habe. 877 Menschen mussten von einer an der Viehauktionshalle liegenden Rampe die Reise in die nationalsozialistischen Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager antreten, wo die meisten ums Leben kamen.
Der Ort, in seiner heutigen Gestalt, liefert nur wenige Hinweise auf das stattgefundene Verbrechen. Die Zeugnisse der Geschichte liegen verdeckt in der Fläche, die massenhafte Tragik menschlicher Schicksale ist nicht ablesbar. Die Überlagerung durch zwischenzeitliche Umnutzungen des Geländes, die Spuren der brandbedingten Zerstörung und der vernachlässigte Zustand soll als Teil der Geschichte des Ortes erhalten bleiben. Gleichermaßen soll das weitläufige Grundstück im Umfeld der ehemaligen Viehauktionshalle als Gedenkort in seiner Gesamtheit ‚erschlossen und besetzt’ werden. Mit wenigen, jedoch grundlegenden, Interventionen wird auf die Gegebenheiten reagiert. Mit dem Entfernen der Spontanvegetation auf den zur Deportation genutzten Gleisen wird der Blick zum ehemaligen Güterbahnhof frei. Gleichzeitig wird die Fläche der Viehauktionshalle durch einen ‚ruderalen‘ Baumhain besetzt. Die Wahrnehmbarkeit des Ortes im Stadtraum wird über ein präzise eingepasstes, minimales Wege- und Informationssystem hergestellt. Als narrative Linie erschließt der Besucherweg das gesamte Gelände und verknüpft dieses mit dem Umfeld. Drei an den Weg angelagerte ‚Orte der Information‘ vermitteln verschiedene Aspekte der ortsspezifischen Geschichte. In Reaktion auf ihre unwürdige Behandlung ist es ein besonderes Anliegen des Entwurfs, jedem der 877 über die Viehauktionshalle deportierten Opfer individuell Beachtung zu schenken und Raum zu geben. Jedes der Opfer wird über eine Gedenkstele in der Fläche präsent. Diese ist beschriftet mit seinem/ihrem Namen, Herkunftsort, Geburts- und Sterbedatum und -ort. Entsprechend der jeweiligen Familien- und Ortszugehörigkeit der Menschen stehen die schmalen Metallstelen in kleinen Gruppen über das Gelände verteilt. Einzeln und aus der Ferne kaum sichtbar, werden die Stelen in Ihrer Dichte und Anzahl sichtbar. Erst beim Herantreten gibt eine Gravur auf Augenhöhe die Namen und Lebensgeschichten preis.
Typologie
Öffentlicher Raum, Gedenkort
Fläche
10.000 qm
Auslober
Stadt Weimar
Projektteam
Janina Gäckler, Frederik Springer
In Zusammenarbeit mit
Studio Sophie Jahnke